Vereinte Nationen

Die Niederlage Deutschlands

Deutschland ist bei der Wahl zum UN-Sicherheitsrat durchgefallen.

104 Stimmen.
Portugal und Österreich ziehen ein, Deutschland nicht.
Man kann das als diplomatische Niederlage der Bundesregierung werten. Man kann über Außenpolitik, Gaza, Kampagnenfehler oder mangelnde internationale Überzeugungskraft sprechen. 
Aber vielleicht zeigt dieses Ergebnis noch etwas Grundsätzlicheres: Die Vereinten Nationen in ihrer heutigen Form verlieren an Bindekraft.
Ein Sicherheitsrat, in dem fünf Staaten dauerhaft privilegiert sind und durch ihr Vetorecht zentrale Entscheidungen blockieren können, passt immer weniger zu einer Welt, in der Macht, Verantwortung und Betroffenheit längst viel breiter verteilt sind.
Gerade kleinere und mittlere Staaten erleben seit Jahren, dass sie zwar Teil der Weltgemeinschaft sind, bei den entscheidenden Fragen aber oft nur Zuschauer bleiben.
Deutschlands Scheitern ist deshalb mehr als eine peinliche diplomatische Niederlage, es ist ein Symptom.
Nicht nur Deutschland muss sich fragen, warum es international offenbar weniger Vertrauen genießt als erwartet. Auch die UN selbst muss sich fragen, ob ihre Architektur noch zu den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts passt.
Vielleicht brauchen wir nicht nur andere Kandidaten für den Sicherheitsrat.
Vielleicht brauchen wir endlich eine ernsthafte Debatte über eine andere Weltordnung,
eine Ordnung ohne privilegierte Blockade,
eine Ordnung, in der nicht wenige Staaten dauerhaft mehr Rechte besitzen als alle anderen,
eine Ordnung, die handlungsfähig bleibt, wenn Krieg, Klimakrise, Migration, Hunger oder digitale Machtverschiebungen entschlossene Antworten verlangen.

Der Gedanke aus „Königreich Europa“

In meinem Science-Fiction-Roman „Königreich Europa“ habe ich genau diesen Gedanken in den letzten Kapiteln literarisch aufgegriffen.
Dort stellt Königin Ingrid die Vereinten Nationen in ihrer bisherigen Form infrage, nicht, weil internationale Zusammenarbeit falsch wäre, sondern weil sie zu wichtig ist, um sie dauerhaft an überholten Machtstrukturen scheitern zu lassen.
In meinem Roman entsteht deshalb eine neue Weltorganisation, eine Organisation, in der alle Staaten mitmachen dürfen, aber niemand mehr ein Vetorecht besitzt.
Keine privilegierte Blockade mehr.
Keine dauerhaften Sonderrechte einzelner Großmächte.
Keine Weltordnung, die noch immer nach dem Machtgefüge von 1945 funktioniert.
Entscheidungen entstehen dort nicht mehr aus der Macht einzelner Blockierer, sondern aus qualifizierten Mehrheiten und gemeinsamer Verantwortung.
Natürlich ist das Fiktion. Aber gute Science-Fiction beschreibt nicht nur ferne Zukunft. Sie stellt Fragen an die Gegenwart.
Wie demokratisch ist eine Weltordnung, in der wenige Staaten dauerhaft mehr Rechte besitzen als alle anderen?
Wie handlungsfähig kann eine Organisation sein, wenn sie bei Krieg, Klimakrise, Hunger, Migration oder digitaler Machtverschiebung immer wieder an geopolitischen Blockaden scheitert?
Und wie lange akzeptiert die Mehrheit der Welt noch Institutionen, die nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden sind, aber die Realität des 21. Jahrhunderts nur noch unzureichend abbilden?
Vielleicht ist das eigentliche Problem nicht, dass Deutschland diesmal nicht gewählt wurde.
Vielleicht ist das eigentliche Problem, dass wir immer noch so tun, als könne man eine veränderte Welt mit unveränderten Institutionen regieren.

Deutschlands eigentliche Konsequenz

Deutschlands Niederlage bei der Wahl zum UN-Sicherheitsrat sollte nicht nur als Blamage verstanden werden.ie könnte auch ein Weckruf sein.
Vielleicht müsste die Konsequenz nicht lauten: Deutschland muss sich beim nächsten Mal besser bewerben.
Vielleicht müsste die Konsequenz lauten: Deutschland sollte weltweit für eine neue internationale Organisation werben.
Eine Organisation, in der alle Staaten mitmachen dürfen.
Eine Organisation ohne Vetorecht.
Eine Organisation, in der nicht fünf Staaten dauerhaft mehr Macht besitzen als alle anderen.
Denn genau darin liegt das Grundproblem der heutigen Vereinten Nationen:
Viele Staaten sind Mitglieder, aber nur wenige entscheiden wirklich.
Gerade kleine und mittlere Staaten dürften großes Interesse an einer Ordnung haben, in der ihre Stimme mehr zählt als bisher.
Staaten aus Afrika, Lateinamerika, Asien, der Karibik oder dem Pazifik sind von globalen Krisen oft massiv betroffen, haben in den entscheidenden Machtzentren aber wenig Einfluss.
Deutschland könnte aus seiner Niederlage deshalb eine Stärke machen, nicht gekränkt auf die 104 Stimmen blicken, sondern die Frage stellen:
Wie müsste eine Weltordnung aussehen, in der nicht Macht entscheidet, sondern Verantwortung?
In meinem Science-Fiction-Roman „Königreich Europa“ habe ich diesen Gedanken literarisch weitergeführt.
Dort entsteht eine neue globale Organisation, in der alle Staaten mitwirken können, aber niemand mehr ein Vetorecht besitzt.
Natürlich ist das Fiktion, aber vielleicht ist es genau die Art von Fiktion, die Politik wieder bräuchte, nicht nur das Bestehende verwalten, sondern Vorstellungskraft für das Notwendige entfalten.
Vielleicht wäre genau das die richtige Antwort auf diese Niederlage, nicht der nächste Versuch, in einen blockierten Sicherheitsrat gewählt zu werden, sondern der Mut, weltweit für eine neue Ordnung zu werben:
Eine Ordnung ohne privilegierte Blockade.
Eine Ordnung mit echter Gleichberechtigung der Staaten.
Eine Ordnung, die auch den kommenden Generationen verpflichtet ist.
Denn wenn alte Institutionen die Welt nicht mehr zusammenhalten, reicht es nicht, um einen besseren Platz am alten Tisch zu kämpfen.
Dann muss man beginnen, einen neuen Tisch zu bauen.